19. März 2011

Verleimter Papierhaufen

Das Schweizer Parlament hat gestern beschlossen, das Rad der Geschichte zurück zu drehen und die gesetzliche Preisbindung für Bücher wieder einzuführen. Dass Politiker unbelastet von Sachverstand agieren, ist nicht neu, aber in solchen Fällen besonders schwer zu ertragen. Das letzte Wort wird vermutlich
das Volk haben, doch bleibt nicht allzu viel Hoffnung auf Remedur. Der gebundene Buchpreis wird die stärkere Lobby haben als der liberale Geist. Und den Auschlag werden an der Urne jene geben, die nie ein Buch lesen.

Fast schlimmer noch als der Vorgang selbst sind für den wachen Verstand die Argumente zu ertragen, die angeblich für einen künstlich hoch gehaltenen Buchpreis sprechen. Am absurdesten erscheint mir das mit den Jeans, die in Amerika auch billiger seien als in der Schweiz. Mir bleibt schlicht unverständlich, warum deswegen Schweizer Buchhändlern per Gesetz verboten werden soll, die vom Kartell verfügten Preise zu unterbieten. Und falls sich dereinst die angeblich höheren Preise für Jeans im Schweizer Markt nicht mehr durchsetzen lassen, wird vermutlich niemand nach einer gesetzlichen Jeanspreisbindung rufen.

Nicht ganz so dumm ist das Argument, es gelte die Preise von Bestsellern künstlich hoch zu halten, um so weniger gut verkäufliche Literatur zu fördern. Das mag gut gemeint sein, wenn es denn tatsächlich ab und an versucht werden sollte. Dennoch bleibt rationalem Denken verschlossen, warum der Käufer eines Bestsellers einen Autoren unterstützen soll, der keinen Bestseller schreiben kann oder will.

Das einzig ehrliche Argument ist wohl die Vorstellung, das Buch sei ein besonderes Kulturgut. Das war das Buch selbstverständlich, so lange es die einzige Möglichkeit war, gedankliche Inhalte festzuhalten und zu verbreiten. Im digitalen Zeitalter gibt es dafür weiss Gott tauglichere Methoden, die zudem ökonomischer und ökologischer sind. Das Buch ist ein verleimter Haufen von bedrucktem Papier und als solcher ein nicht mehr zeitgemässer Transportbehälter für geistige Inhalte. Unübertroffen ist das Buch aus Papier allerdings nach wie vor als Statussymbol. Mit elektronischen Datenspeichern lassen sich weder Wohnwände dekorieren, noch kann man sich einen solchen im Zug mit intellektuell gerunzelter Stirn vor die Nase halten. Natürlich bescheren herkömmliche Bücher noch andere Annehmlichkeiten, die ich zum Teil auch schätze, obwohl ich Hörbücher vorziehe. Ein besonderes Gut ist das Buch deswegen nicht. Weder als Verpackung für Inhalte, die darauf längst nicht mehr angewiesen sind, noch als Statussymbol für Intellektuelle oder solche, die es gerne wären...

Kommentare:

  1. Oh! Klar läd' Dein Blogpost zum diskutieren ein!
    Ich habe ein wenig darüber nachgedacht, was ein (in der Tat noch gedrucktes, papierförmiges) Buch für mich persönlich bedeutet.
    Ich bin zur Erkenntnis gelangt, dass ein Buch vor allen Dingen eines ist: Das Schwelgen in Erinnerungen. Ich fühle mich z.B. sehr wohlig, behaglich, geborgen, wenn ich Abends mit einem guten Buch im Bett liege und lese, bis mir die Augen schwer werden. Und ich fühle mich wohl deshalb so, weil ich dieses Gefühl mit Erinnerungen aus meiner Kinder- und Jugendzeit assoziiere. Gemütlich im Zimmer auf dem Bett liegen und lesen (als man mit dem Fernseher nur drei Programme empfangen konnte, CD's, DVD's, Blue-Ray-Disks und all so etwas noch nicht erfunden waren), sich in fremde Welten träumen..
    Und ein kleines Stück dieser kindlich-naiven Behaglichkeit hält beim Lesen eines "richtigen" Buches wohl auch jetzt noch Einzug in meinem Heim.
    Vielleicht mag ich deshalb keine E-Books. Hörbücher dann schon ehr.

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  2. beim beispiel mit den jeans geht's um die kaufkraft... dass man buchpreise nicht einfach von euro in franken umrechnen kann. der rest erklärt dir charles lewinsky: bücher sind nun einmal keine unterhosen http://bit.ly/dP2Bqd

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  3. @anneo77
    Danke für die Schilderung Deiner Erinnerungen und Gefühle. Auch ich habe als Kind tausende von Büchern verschlungen und fühle Dir nach. Gewisse geistige Inhalte habe ich heute noch gerne verpackt in einen verleimten Papierhaufen. Warum dieser nicht unter einem gesetzlich garantierten Mindestpreis verkauft werden darf, verstehe ich allerdings trotzdem nicht.

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  4. @manu
    Bücher sind zwar keine Unterhosen. Aber beides dient als Verpackung, die nicht mit dem jeweiligen Inhalt verwechselt werden sollte.

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  5. Als Buchhändler kann ich nicht anders als Herrn Felber in allen Punkte zustimmen - obwohl ich hoffe, dass das Volk sich nicht dazu hinreissen lässt, ein Kartell gesetzlich zu verankern.
    Besonders stossend finde ich persönlich den nicht ausreichenden Ausnahmekatalog. Es ist für uns bei www.unibooks.ch nun einmal so, dass wir bei der Lieferung der gleichen 5 Bücher innerhalb von zwei Wochen deutlicher günstiger einkaufen und auch unsere Logistik effizienter einsetzen können. Weshalb sollten wir diese Ersparnis nicht weitergeben dürfen?
    Dass es sich beim Argument der Querfinanzierung (Bestseller finanzieren Nischenprodukte) um reine Augenwischerei handelt, würde ein Blick in die entsprechenden Verträge mit den eher unbekannten Autoren enthüllen.

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  6. Wenn es darum geht, sich gewöhnte Pfründe zu sichern, fallen den betroffenen meist gewichtige Gründe für deren Erhaltung ein. Ob durch die Buchpreisbindung die kulturelle Vielfalt erhalten bleibt bzw. gesichert wird, das einzige Argument, dass ich akzeptieren würde, wage ich zu bezweiflen. Im Fernsehen gelingt das den öffentlich rechtlichen nicht und ich sehe auch nicht, dass in Ländern ohne Buchpreisbindung, z.B. Großbrittanien, eine "Bücherarmut" herrscht.

    Am Ende geht es um Geld und darum, wie man sich dessen Eingang am besten sichert und das dem Volk begreiflich macht.

    Ähnlich gelagert und unsinnig ist beispielsweise, dass Syndikusanwälte in Deutschland ihren Arbeitgeber nicht vor Gerichten mit Anwaltszwang vertreten dürfen, selbst dann nicht, wenn sie eine Anwaltszulassung haben. Das dient m.E. auch nur der Sicherung der anwaltlichen Pfründe.

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